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Nadine Wölk
“See Yeah...Again!!”
Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. Erzählt Rainer Maria Rilke und weiter: Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Nadine Wölk hält sich nicht an Rilke. Dafür verliert sie sich zu oft in der Nacht. Wenn sie wenigstens nur ihren Nachbarn suchen würde, wenigstens nur ihn. Nadine Wölk aber ist ein echtes Nachtkind. Sie sucht die wichtigste Eigenschaft der Nacht. Die Dunkelheit. Denn die Dunkelheit ist mächtig, sie macht, dass Nachtruhe herrscht, dass es überall still wird, ganz leise. Sie zieht einen tiefschwarzen Schleier übers Land, sie macht, dass wir nicht mehr genau sehen können, dass Schwarz und Weiß sich miteinander vermischen. Wenn wir dennoch Farben wahrnehmen, dann nur, wenn die hellsten Sterne leuchten. Und doch ist es nie wirklich dunkel. Selbst bei klarem, mondlosem Nachthimmel ganz und gar ohne Fremdbeleuchtung: Der Himmel ist nicht vollständig schwarz. Lichter schwirren in der Luft, Glanzspuren, Reflexe, Fixpunkte, genauer gesagt, das Funkeln und Leuchten der Moleküle aus der Atmosphäre, die tagsüber von der Sonne ionisiert wurden. All diese Lichter aber sorgen für eine Magie. Für einen Zauber, den Nadine Wölk unbedingt auf der Leinwand festhalten will.
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Nadine Wölk I “l.e.b”, Acryl und Acryllack auf Leinwand, 70x100cm, 2012
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Egal, wie viel Platz ihr der Rahmen dafür bietet, ob zwanzig mal vierzig Zentimeter oder zwei mal zwei Meter. Hauptsache festhalten. Ihre Farben der Nacht komponiert sie stets aus dem Schwarz, aus der Dunkelheit heraus. Die Farben pellen sich geradezu aus dem Schwarz. Und so kommt es, dass Augen überdeutlich flackern oder den Betrachter mitunter mit hässlich verzerrtem Gesicht furchtlos, schamlos fixieren: Uns gehört die Welt, wir sind jung, wer bietet mehr? Und manchmal ist in den Augen auch ein Glitzern, eine Art Kichern, einfach nur so, unbändig, ohne Sinn und Verstand, weil heute Vollmond ist, die Sterne so hell leuchten, weil das Leben schön ist, weil die Miete für diesen Monat bezahlt werden kann und es dennoch für ein Bier extra reicht, vielleicht auch für zwei. Andere Augen wiederum verweigern sich dem direkten Blick, schauen sonst wohin, nur nicht zu uns. Es scheint, als verstecken sich die Abgebildeten, vor uns, vor sich selbst, als müssten sie sich schützen, unbedingt, als könnten wir in ihrer Mimik, ihrer Gestik Dinge ablesen, die ihnen nicht lieb sind. So sehr sie sich aber schützen, sich beiseite drehen, ihre Augen von uns abwenden, wir verstehen sie trotzdem, wir lesen diese Gesichter, diese Körper wie eine Landschaft, eine Seelenlandschaft.
Um all diese Menschen herum aber ist immer Licht. Licht, das flüchtigste Element, welches an den Leerstellen austritt, das be- und erleuchtet und das dem im Dunkel Verborgenen Form und Gestalt verleiht. In gleißendem Weiß, Rot, Blau oder Grün „brennt“ Nadine Wölk die Lichtspuren auf die Leinwände. Diese Farbtupfer – das ist offensichtlich – sie sind ihre Glücksmomente, mit ihnen schafft sie einen ganz eigenen Zauber, den Nadine Wölk - Zauber, den, der ihre Bilder besonders macht, unverkennbar. Statische Momente werden potenziert, eine Leuchtreklame, ein Verkehrsschild, eine Prosecco-Flasche, eine rote Mütze, ein Hotdog, sie überstrahlen die eigenen Strukturen und bleiben doch ganz klar, fast überdeutlich, während Flüchtiges, ein Autoheck mit Fuck you, ein bewegter Lichtschein nur einen schwachen Eindruck, mehr einen Schatten auf der Netzhaut des Bildes hinterlässt. Nadine Wölk moduliert und dirigiert mit schnellen Acrylstrichen einen harten Rhythmus auf ihre Bilder: Flirrendes Leben in der Tiefe des Bildraumes ebenso wie Schlaglichter in vorderster Reihe. Das hier sind alles Augenblicke, Schnappschüsse einer Nacht.
Auszug aus “Menschen bei Nacht” von Andine Rieckmann
Die Ausstellung läuft bis zum 7.06.2012.
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